Ratgeber für Patienten
CME-Punkte in der Urologie: Präsenz oder Online-Webinar
250 CME-Punkte in fünf Jahren - diese Zahl steht am Anfang jeder Fortbildungsdiskussion unter deutschen Urologinnen und Urologen und damit auch für jede Praxis und Klinik in Niedersachsen, die gesetzlich versorgungsrelevant arbeitet.

Der Versorgungsalltag zwischen Sprechstunde, Operation und Tumorkonferenz lässt wenig Raum für ausgedehnte Kongressreisen, gleichzeitig verlangt der Anschluss an die uro-onkologische Forschung kontinuierliche Fortbildung. Die Frage, die sich an jeder Kongressanmeldung und jedem Webinar-Link neu stellt: Welches Format liefert die geforderten Punkte zuverlässig, fachlich fundiert und mit dem größten Nutzen für die tägliche Praxis?
Punkte sammeln ist Pflicht. Punkte sinnvoll nutzen ist Strategie.
Der gesetzliche Rahmen: Was § 95d SGB V konkret verlangt
Die Fortbildungspflicht ist keine Empfehlung der Fachgesellschaften, sondern eine Voraussetzung für die vertragsärztliche Zulassung und die klinische Tätigkeit. Nach § 95d Sozialgesetzbuch V müssen Vertragsärztinnen, Vertragsärzte und Klinikärzte innerhalb eines Fünfjahreszeitraums 250 CME-Punkte nachweisen - gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung oder dem Arbeitgeber. Für Klinikerinnen und Kliniker kommt eine zusätzliche Anforderung hinzu: Mindestens 150 der 250 Punkte müssen aus fachspezifischer Fortbildung stammen.
Ein CME-Punkt entspricht dabei in der Regel einer abgeschlossenen Fortbildungseinheit von 45 Minuten. Wer im Schnitt 50 Punkte pro Jahr sammelt, bleibt im geforderten Rhythmus. Wer in einem Jahr aussetzt, muss im Folgejahr deutlich zulegen oder auf den Fünf-Jahres-Schnitt vertrauen - denn überzählige Punkte verfallen am Ende des Zyklus und werden nicht in den nächsten Zeitraum übertragen.
Die Sanktionen bei Nichterfüllung sind in der Branche bekannt und sollten jeden zuverlässig aufmerken lassen: Vertragsärzte riskieren Honorarkürzungen von bis zu 25 Prozent, bei dauerhafter Verweigerung der Fortbildungspflicht steht der Entzug der vertragsärztlichen Zulassung im Raum. Für Inhaberinnen und Inhaber einer urologischen Praxis in Niedersachsen ist das ein betriebswirtschaftliches Risiko, das über den einzelnen Honorarbescheid hinausreicht.
Online-Webinare: Schnell übermittelt, flexibel einsetzbar
Digitale Fortbildungen haben in den vergangenen Jahren einen Strukturwandel durchlaufen, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Was in der Pandemie als Notlösung begann, ist heute ein eigenständiges Format mit klaren Kategorien und anerkannten Zertifizierungswegen.
Die Bundesärztekammer sortiert die Angebote eindeutig ein: Tutoriell unterstützte Online-Fortbildungen mit Lernerfolgskontrolle - das klassische eLearning - fallen unter die Fortbildungskategorie I. Klassische Präsenzvorträge werden hingegen in Kategorie A eingeordnet, mehrtägige Kongresse in die Kategorie B. Wer ein Webinar mit Abschlusstest absolviert, sammelt also andere Kategorie-Punkte als der Besucher eines Vortrags im Kongresszentrum - ein Unterschied, der bei der späteren Nachweispflege gegenüber der Ärztekammer Niedersachsen durchaus eine Rolle spielt.
Der größte Verwaltungsvorteil digitaler Angebote liegt in der Punkteübermittlung. Wer seine Einheitliche Fortbildungsnummer (EFN) hinterlegt hat, dem werden die erworbenen Punkte oft automatisch elektronisch an die zuständige Landesärztekammer übermittelt. Kein Barcode-Scannen am Kongresseingang, keine händische Einreichung von Teilnahmebescheinigungen, kein Risiko verloren gegangener Zertifikate. Für Urologinnen und Urologen, die zwischen mehreren Kammermitgliedschaften wechseln oder nebenbei an Fortbildungen anderer Fachrichtungen teilnehmen, ist das ein nicht zu unterschätzender organisatorischer Gewinn.
Hinzu kommen zeitliche und finanzielle Freiheiten, die das Präsenzformat strukturell nicht bieten kann. Eine 45-minütige Fortbildung am frühen Dienstagabend, ein Vertiefungsmodul am Samstagmorgen, eine komplette Webinarreihe zur uro-onkologischen Tumorkonferenz zwischen den Sprechstunden - das alles funktioniert ohne Reisekosten, ohne Übernachtung und ohne aufwendige Vertretungsorganisation. Für ein Flächenland wie Niedersachsen mit seinen mehr als 47.000 Quadratkilometern zwischen Harz und Nordseeküste ist das ein entscheidender Vorteil: Die Anreise nach Hannover, Göttingen, Braunschweig oder Oldenburg entfällt, die Fortbildung erreicht den Arzt direkt im Sprechzimmer oder im heimischen Arbeitszimmer.
Doch auch das Webinar hat strukturelle Grenzen. Sonografische Hands-on-Trainings, laparoskopische Nahtübungen an der Trainingsbox, roboterassistierte Chirurgie am Modell, das gemeinsame Patientengespräch im multidisziplinären Tumorboard - all diese Kernelemente uro-onkologischer Fortbildung lassen sich am Bildschirm nur eingeschränkt abbilden. Wer operative Techniken verfeinern, neue Devices kennenlernen oder den kollegialen Blick auf den eigenen Patientenfall schärfen will, braucht die physische Begegnung mit Instrument, Patient und Kollegium.
Ohne Reisekosten punkten, ohne Hands-on nicht operieren lernen - die Mischung macht den Unterschied.
Präsenzkongresse: Mehr als nur Punktesammeln
Auf den großen uro-onkologischen Tagungen - ob DGU-Kongress, EAU-Kongress, regionale Verbandsveranstaltungen oder die zertifizierten Angebote der Ärztekammer Niedersachsen - zeigt sich, was Fortbildung im Kern bedeutet: die direkte Begegnung. Im Kongresssaal entstehen Synergien, die kein digitales Format reproduzieren kann. Der Oberarzt aus dem Nachbarkreis, der nach dem Vortrag zur PSMA-Liganden-Therapie beim metastasierten Prostatakarzinom seine Erfahrungen mit der Patientenselektion schildert. Die Chefärztin aus Hannover, die im Workshop die Indikationsstellung zur Active Surveillance an konkreten Fallbeispielen diskutiert. Der niedergelassene Urologe aus dem Emsland, der im Foyer einen Hinweis auf eine laufende Studie gibt, die für seine Patienten relevant werden könnte.
Diese fachliche Tiefe entsteht nicht in der 45-Minuten-Einheit, sondern in den Pausen, beim gemeinsamen Abendessen, im Gespräch vor der nächsten Session. Für die regionale Vernetzung in Niedersachsen sind die Präsenzformate daher der eigentliche Kitt des Fachgebiets: Hier entstehen interdisziplinäre Kooperationen zwischen Urologie, Onkologie und Strahlentherapie, hier werden gemeinsame Studienideen geboren, hier wird das kollegiale Netzwerk gepflegt, das im Versorgungsalltag den schnellen Rat am Telefon oder die kurzfristige Zweitmeinung ermöglicht.
Präsenzveranstaltungen punkten zudem dort, wo das Webinar systematisch an seine Grenzen stößt: beim operativen und diagnostischen Fertigkeitstraining. Workshops zur transrektalen Prostatasonografie, laparoskopische Nahtkurse, Seminare zur roboterassistierten Chirurgie mit Hands-on-Übungen am Da-Vinci-Modell, Live-Operationen aus dem OP-Saal mit direkter Kommentierung - all das funktioniert nur in der physischen Begegnung mit Instrumenten, Geräten, Gewebemodellen und erfahrenen Tutoren. Auch die klassischen Tumorkonferenzen, die in den zertifizierten onkologischen Zentren des Landes stattfinden, liefern fachspezifische Punkte im Sinne der 150-Punkte-Regelung und verbinden Fortbildung direkt mit dem Versorgungsalltag.
Kategorien auf einen Blick: Was zählt für welche Punktzahl
| Aspekt | Online-Webinar (eLearning) | Präsenzvortrag | Kongress (mehrtägig) |
|---|---|---|---|
| BÄK-Kategorie | Kategorie I | Kategorie A | Kategorie B |
| Lernerfolgskontrolle | Pflicht (Multiple Choice o. ä.) | Keine zwingende Pflicht | Keine zwingende Pflicht |
| Punkteübermittlung | Automatisch per EFN an die Ärztekammer | Bescheinigung, teils Barcode | Bescheinigung, teils Barcode |
| Reise- und Übernachtungskosten | Keine | Möglich | In der Regel erforderlich |
| Hands-on-Anteil | Sehr begrenzt | Eingeschränkt | Hoch (Workshops, Live-OPs) |
| Networking mit Kollegium | Chat, Video, eingeschränkt | Im Anschluss möglich | Strukturell verankert |
| Zeitlicher Aufwand pro Punkt | Modular, gut portionierbar | Feste Slots | Mehrere Tage am Stück |
| Flexibilität im Alltag | Hoch | Mittel | Gering |
Die Tabelle zeigt, dass die Unterschiede weniger im Punktewert als in der Form der Fortbildung liegen. Ein CME-Punkt bleibt ein CME-Punkt - doch der fachliche und kollegiale Mehrwert unterscheidet sich erheblich. Für eine ausgewogene Bilanz im Punktekonto ist die Kombination beider Welten inzwischen der Standard, nicht die Ausnahme.
Strategische Planung: Den Fünf-Jahres-Zyklus aktiv gestalten
Wer 250 Punkte effizient sammeln will, geht das Thema strategisch an. Eine bewährte Aufteilung kombiniert beide Formate:
- Etwa 150 Punkte aus dem eigenen Fachgebiet, davon ein substanzieller Anteil über Präsenzveranstaltungen wie den DGU-Kongress, regionale Tumorkonferenzen der urologischen Netzwerke in Niedersachsen und operative Workshops an den zertifizierten Zentren.
- Die verbleibenden 100 Punkte gezielt über eLearning-Module und zertifizierte Webinare abdecken, etwa zu Leitlinien-Updates der S3-Leitlinie Prostatakarzinom, zu neuen Substanzen in der Uro-Onkologie oder zu nephrologisch-urologischen Schnittstellenthemen.
- Pro Jahr etwa eine größere Präsenzveranstaltung fest einplanen, um die fachspezifische Mindestpunktzahl sicherzustellen und das regionale Netzwerk zu pflegen.
- Überzählige Punkte bewusst einsetzen, bevor der Fünf-Jahres-Zyklus endet - sie verfallen am Stichtag und werden nicht übertragen.
Wichtig bleibt der Hinweis auf das Verfallsdatum: Eine Hort-Strategie - erst sammeln, später einlösen - funktioniert nicht. Wer in den ersten beiden Jahren seines Fünf-Jahres-Zeitraums wenig aktiv war, sollte spätestens im dritten Jahr eine größere Präsenzveranstaltung einplanen, um den Anschluss nicht zu verlieren und nicht in den Bereich der Honorarkürzung zu geraten.
Für Niedersachsen bieten sich zusätzlich die regionalen Angebote der Ärztekammer und der urologischen Verbände an. Zertifizierte Veranstaltungen vor Ort - von Hannover über Braunschweig und Wolfsburg bis Osnabrück und Oldenburg - sind oft kürzer, thematisch fokussierter und kostengünstiger als die großen überregionalen Kongresse. Sie liefern solide fachspezifische Punkte im Sinne der 150-Punkte-Regelung und stärken zugleich das regionale Netzwerk, das im Notfall den schnellen kollegialen Kontakt ermöglicht.
Perspektive: Wie sich das Fortbildungsformat gerade neu sortiert
Die Diskussion über Präsenz versus Online ist nicht entschieden - sie steht mitten in einem Strukturwandel, der die nächsten Jahre prägen wird. Die Kammern passen ihre Kategorien an, die Anbieter experimentieren mit Hybridformaten, in denen ein Kongress in Hannover per Live-Stream in die Praxis übertragen und parallel vor Ort diskutiert wird. Auch die Tumorkonferenz, einst das Kernstück der interdisziplinären uro-onkologischen Versorgung, findet zunehmend hybrid statt - mit Patientendiskussion am Whiteboard im Konferenzraum und zugeschalteten Kolleginnen und Kollegen aus dem niedersächsischen Umland.
Für die urologische Fortbildung in Niedersachsen bedeutet das: Die nächsten Jahre werden zeigen, welche Formate den Spagat zwischen fachlicher Tiefe und zeitlicher Effizienz am besten meistern. Hybrid wird zum Standard, das reine Online-Webinar bleibt für die schnelle Fortbildung zwischendurch, der Kongress bleibt für das, was nur im persönlichen Kontakt entsteht - die kollegiale Fallbesprechung, die Hands-on-Erfahrung am Modell, der kurze Draht zur Uniklinik. Wer beide Welten strategisch nutzt, sammelt nicht nur die geforderten 250 Punkte, sondern baut sich ein Netzwerk auf, das im klinischen Alltag den entscheidenden Unterschied macht - zwischen einer isolierten Praxis und einer eingebundenen Fachstruktur, die den Strukturwandel in der urologischen Versorgung aktiv mitgestaltet.